Jeden Tag oder jede Woche: semi-philosiphische Erkenntnisse über das Leben, die Liebe und die Party.
Dachte ich vor einiger Zeit noch, ein Politiker wäre moralisch höchst fragwürdig als Gelegenheits-Gefährte, so lernte ich: ach was, das geht noch besser! Gegenüber Politikern im Allgemeinen und einigen der Parteien im Speziellen habe ich schon mehr als genug Vorbehalte, aber andererseits: irgendwer muss den Job ja machen (…well it’s a dirty job but someone’s gotta do it…) und so konnte ich immerhin Einblick nehmen in Lokalpolitik im Kleinen und Europapolitik im Großen. Meine Erwartungshaltung an eine rosige Zukunft ist dadurch zwar nicht gerade sprunghaft gestiegen, aber wenn man sich schon während des Dinner-Geplänkels unterhalten muss, dann doch am liebsten über Themen, die über das Wetter und die Speisekarte hinaus gehen. Immerhin erweist sich ein solchermaßen redegewandter Herr, der mit diplomatischem Geschick nonchalant durch das Leben und die Wählerschaft geht, als äußerst angenehme und diskrete Begleitung. Weitere Qualitäten kann ich leider nur schwer einschätzen, denn Monsieur hat bis halb 3 seine Redegewandheit ausgespielt, bis er endlich mal den Kuss wagte. Und somit die arg unbequem anmutende Gästecouch binnen Minuten aus dem Rennen warf. Der Nachteil der späten Stunde: zur Zeitüberbrückung wurden einige Getränke gereicht, nicht zuletzt die eingehende Studie verschiedener Gin-Sorten im Cocktail-Test. MannMannMann, dass ihr immer so lange Anlauf nehmen müsst, bis es mal voran geht…!
Hielt ich also zunächst Politiker für moralisch fragwürdig, kam die Steigerung: Rüstungsindustrie, auch das noch! Militärlaufbahn und ein Job, in dem Dinge optimiert werden, damit man andere umbringen kann – da war sie wieder, die Begegnung mit der eigenen Moral inklusive Doppelmoral. Nun gut, ich muss den Mann ja nicht gleich heiraten, also siegt nach einigem Abwägen erneut die Neugier: wie ist sie so, diese andere Welt, in der sich der Mann bewegt? Ich erfahre viel über starre Hierarchiestufen, privatwirtschaftliche Unternehmen im Spannungsfeld der Weltpolitik und als ich gerade denke, die Ethik ist schon genug strapaziert, kommt der nächste Stolperstein: ist es moralisch vertretbar, sich auf einen liierten Mann einzulassen? 25 Jahre lang habe ich das abgelehnt, vermieden, verurteilt. Und doch: nicht ICH habe entschieden, meinen Partner zu betrügen. Warum soll ich die Moral seiner Entscheidungen tragen?? Nein, ich wollte weniger umsorgend und mehr egoistisch werden, also belasse ich diese Zwickmühle allein bei ihm. Ein Rest Unwohlsein bleibt, so leicht streift man alte Gewohnheiten nicht ab, aber ich bin nun mal nicht allein für die Weltgerechtigkeit zuständig, diesmal nicht und am besten auch auf Dauer nicht.
Der neue Trend orientiert sich am Credo "Just be good to me", will sagen: wichtiger als Verbal-Ethik und Stammtisch-Parolen ist die Frage, wie er mit mir umgeht. Versetzt er mich regelmäßig, lässt mich hängen wenn ich ihn brauche, schmarotzt sich durch mein Leben? Oder umsorgt er mich, konzentriert seine Aufmerksamkeit auf mein Wohlergehen, überlegt, wie er mir Freude bereiten kann und verhält sich dauerhaft galant und zuvorkommend? Dann öffne ich ihm die Tür, dann darf er eintreten und ich lehne mich entspannt zurück und genieße.
Umso mehr, als dass es kaum Einschränkungen gibt: keine Erwartungshaltung, dass ich nur noch für ihn da bin. Keine Einschnitte in der Urlaubsplanung. dafür unkompliziertes Beisammensein, gemeinsamer Sport und Verwöhnprogramm.
Bei allen Vorurteilen, die die letzten Begegnungen zutage gefördert haben, ist auch ein wenig Stolz dabei: offenbar habe ich zwar kein Talent für die großen happily-ever-after-Gesten, aber das Talent zum Kennenlernen interessanter und charmanter Herren, die genau zur rechten Zeit auf die Bühne treten, das macht mich ein klitzekleinwenig stolz.