Jeden Tag oder jede Woche: semi-philosiphische Erkenntnisse über das Leben, die Liebe und die Party.
Große Erleichterung: die OP-Wunden sind langsam abgeheilt und ich kann mich wieder ohne verpflastertes Gesicht unter Menschen wagen. Prompt habe ich nach einem prüfenden Blick in den Spiegel reflexartig zum Telefon gegriffen und einen Platz in der Lieblingsbar reserviert, es war mal wieder Zeit. Und es war genau richtig: auch wenn ich noch nicht herausgefunden habe, welcher der Rotweine mich nicht spätestens beim zweiten Glas vom Barhocker haut, auch wenn der tanzfreudige Blumenkavalier mit Wiener Schmäh sich kürzlich mit dem charmanten, aber sturköpfigen Barkeeper überworfen hat, auch wenn das Publikum manchmal seltsam ist, es ist immer noch einer der besten Plätze der Stadt, um einen schönen Abend mit Wohnzimmer-Wohlfühl-Effekt außerhalb der eigenen vier Wände zu erleben. Der Barkeeper war gut drauf, die Stammbedienung schloss mich freudig in die Arme und die Band... zur Band purzeln Begriffe durch meinen Kopf wie "großartig", "hingerissen zuhören" und "ganz große Bühne" - und das bei völlig unaufgeregten Nachwuchstalenten von teilweise unter 30, also für die Jazzszene quasi noch grün hinter den Ohren.
Endgültig hin und weg war ich, als die Sängerin sich an einen Klassiker heranwagte: "I'm through with Love", wo hatte ich das schon mal gehört...? Oh, im ab-so-lu-ten Lieblingslingsfilm: Marylin Monroe singt, nein, haucht es in schwarzweiß gar wundervoll mitten im Film "Manche mögen's heiß", unbedingt bald wieder ansehen!
Das Beste am gestrigen Abend war: es fühlte sich an, wie "Alles auf Anfang". Wie vor fünf Jahren, als ich langsam wieder mein Schneckenhaus hinter mir ließ, die Lieblingsbar für mich entdeckte und regelmäßig unregelmäßig ohne große Verabredungen ausging, die unterschiedlich verlaufenden Abende mit unterschiedlicher Musikuntermalung genoss, manchmal entspannt die Feuilletons der letzten Tage in aller Ruhe durchlesen konnte, manchmal mit anderen Gästen in's Gespräch kam, manchmal tanzte, manchmal beschwipst wurde, manchmal früh wieder ging. Und immer mehr in mir selbst ankam und Einsamkeit gegen entspanntes Alleinsein tauschte.